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<description>
	<author>Ovid</author>
	<title>Metamorphoses</title>
	<snippet>Pyramus und Thisbe</snippet>
	<translator>Julia Grybas</translator>
	<textkind>poetry</textkind>
	<firstnumber>55</firstnumber>
	<navigation>
		<previous url="intro.html">Metamorphoses Einführung</previous>
		<next url="lyk_bauern.xml">Die Lykischen Bauern</next>
	</navigation>
</description>
<text>

	<section from="55" to="77">
		<german>
Pyramus und Thisbe, er der schönste Jüngling, sie, hervorragend unter den Mädchen, die der Orient besaß, bewohnten angrenzende Häuser, dort wo 
Semiramis die hohe Stadt mit einer Mauer aus gebrannten Ziegeln umgeben haben soll. Bekanntschaft und erste Schritte der Liebe bewirkte die 
Nachbarschaft:  Mit der Zeit wuchs die Liebe. Sie hätten auch rechtsmäßig geheiratet, aber die Väter haben es verboten. Was sie nicht verbieten 
konnten: beide brannten gleichermaßen nachdem ihr Sinn von Liebe erfasst worden war. Es gibt keine Mitwisser. Sie verständigen sich durch Nicken 
und Zeichen, und je mehr es bedeckt wird, desto mehr lodert das Feuer. Gespalten war der beiden Häuser gemeinsame Mauer durch einen Riss, den sie 
einst bekommen hatte, als sie erbaut wurde. Diesen Schaden, der lange Jahrhunderte von keinem bemerkt worden war- was bemerkt die Liebe nicht ?- 
habt ihr Liebende als erste gesehen, und habt ihn zu einem Weg für eure Stimme gemacht; und sicher pflegten die Schmeicheleien in Form von leisestem
Gemurmel durch jenen hinüberzugehen. Oft, sobald sie dastanden, hier Thisbe, dort Pyramus und gegenseitig der Atem des Mundes gefangen worden war, 
sagten sie: „Neidische Mauer, was hinderst Du die Liebenden ? Was wäre dabei, wenn wir uns mit ganzem Körper verbinden könnten oder wenn das zuviel 
ist, Du offen stehst, damit wir uns küssen können. Aber wir sind nicht undankbar: wir gestehen, dass wir es Dir verdanken, dass unseren Worten ein 
Durchgang zu den Ohren des Geliebten gegeben ist“.
		</german>
		<latin>
'Pyramus et Thisbe, iuvenum pulcherrimus alter,<br/>
altera, quas Oriens habuit, praelata puellis,<br/>
contiguas tenuere domos, ubi dicitur altam<br/>
coctilibus muris cinxisse Semiramis urbem.<br/>
notitiam primosque gradus vicinia fecit,<br/>
tempore crevit amor; taedae quoque iure coissent,<br/>
sed vetuere patres: quod non potuere vetare,<br/>
ex aequo captis ardebant mentibus ambo.<br/>
conscius omnis abest; nutu signisque loquuntur,<br/>
quoque magis tegitur, tectus magis aestuat ignis.<br/>
fissus erat tenui rima, quam duxerat olim,<br/>
cum fieret, paries domui communis utrique.<br/>
id vitium nulli per saecula longa notatum--<br/>
quid non sentit amor?--primi vidistis amantes<br/>
et vocis fecistis iter, tutaeque per illud<br/>
murmure blanditiae minimo transire solebant.<br/>
saepe, ubi constiterant hinc Thisbe, Pyramus illinc,<br/>
inque vices fuerat captatus anhelitus oris,<br/>
"invide" dicebant "paries, quid amantibus obstas?<br/>
quantum erat, ut sineres toto nos corpore iungi<br/>
aut, hoc si nimium est, vel ad oscula danda pateres?<br/>
nec sumus ingrati: tibi nos debere fatemur,<br/>
quod datus est verbis ad amicas transitus auris."
		</latin>
	</section>
	<section from="78" to="86">
		<german>
Nachdem sie so von getrennter Stelle aus vergeblich gesprochen hatten, sagten sie bei Einbruch der Nacht „Leb wohl“  und beide gaben sich seiner Seite 
Küsse, die nicht auf der Gegenseite ans Ziel gelangten. Der folgende Morgen hatte die nächtlichen Feuer entfernt und die Sonne hatte mit ihren 
Strahlen die betauten Gräser getrocknet, da kamen sie am gewohnten Ort zusammen. Nachdem sie sich über vieles vorerst mit einem leisen Flüstern 
beklagten, beschließen sie in der Stille der Nacht die Wachen zu täuschen und aus der Türe hinauszutreten und wenn sie aus dem Haus gegangen waren 
auch die Häuser der Stadt hinter sich zu lassen;
		</german>
		<latin>
			talia diversa nequiquam sede locuti<br/>
sub noctem dixere "vale" partique dedere<br/>
oscula quisque suae non pervenientia contra.<br/>
postera nocturnos Aurora removerat ignes,<br/>
solque pruinosas radiis siccaverat herbas:<br/>
ad solitum coiere locum. tum murmure parvo<br/>
multa prius questi statuunt, ut nocte silenti<br/>
fallere custodes foribusque excedere temptent,<br/>
cumque domo exierint, urbis quoque tecta relinquant,
		</latin>
	</section>
	<section from="87" to="92">
		<german>
Damit die Umhergehenden sich nicht auf weiter Flur verirrten sollen sie sich am Grab des Ninus treffen, und sich im Schatten des Baumes zu verstecken.
Der Baum dort war ein hoher Maulbeerbaum, sehr reich an schneeweißen Früchten, er war benachbart einer kühlen Quelle. Die Vereinbarung gefällt, das 
Licht schien nur langsam zu weichen. Das Sonnenlicht taucht ins Wasser hinein und die Nacht steigt aus demselben Wasser herauf.
		</german>
		<latin>
			neve sit errandum lato spatiantibus arvo,<br/>
conveniant ad busta Nini lateantque sub umbra<br/>
arboris: arbor ibi niveis uberrima pomis,<br/>
ardua morus, erat, gelido contermina fonti.<br/>
pacta placent; et lux, tarde discedere visa,<br/>
praecipitatur aquis, et aquis nox exit ab isdem.
		</latin>
	</section>
	<section from="93" to="104">
		<german>
Die schlaue Thisbe geht durch die Haustüre, nachdem sie sie geöffnet hatte, hinaus und täuscht die ihren und gelangt mit verhülltem Gesicht zum Hügel 
und setzt sich unter den vereinbarten Baum. Die Liebe machte sie kühn. Siehe, da kommt eine Löwin mit schäumenden Maul, das noch besudelt ist vom
frischen Rinderblut, um ihren Durst im Wasser der benachbarten Quelle abzulegen. Die babylonische Thisbe sah diese von der Ferne im Mondlicht und
floh ängstlichen Fußes in die dunkle Höhle und verlor ihren Schleier, der ihr vom Rücken geglitten war. Sowie die wilde Löwin ihren Durst mit viel
Wasser gestillt hatte, zerfetzte sie mit blutbespritzten Maul den zufällig ohne sie selbst gefundenen, zarten Umhang, während sie in die Wälder 
zurückkehrte.
		</german>
		<latin>
'Callida per tenebras versato cardine Thisbe<br/>
egreditur fallitque suos adopertaque vultum<br/>
pervenit ad tumulum dictaque sub arbore sedit.<br/>
audacem faciebat amor. venit ecce recenti<br/>
caede leaena boum spumantis oblita rictus<br/>
depositura sitim vicini fontis in unda;<br/>
quam procul ad lunae radios Babylonia Thisbe<br/>
vidit et obscurum timido pede fugit in antrum,   <br/>
dumque fugit, tergo velamina lapsa reliquit.<br/>
ut lea saeva sitim multa conpescuit unda,<br/>
dum redit in silvas, inventos forte sine ipsa<br/>
ore cruentato tenues laniavit amictus.
		</latin>
	</section>
	<section from="105" to="124">
		<german>
Pyramus, der später weggegangen war, sah im tiefen Sand Spuren eines sicherlich wilden Tieres und erblasste im ganzen Gesicht. Sobald er aber auch 
sogar den blutbenetzten Umhang gefunden hatte, sagte er: „Eine Nacht wird zwei Liebende vernichten: von diesen hätte jene wohl ein langes Leben 
verdient, mein Leben ist schuldig. Ich habe Dich, Beklagenswerte, getötet, der ich Dich geheißen habe, in der Nacht in diese Gegend voller Gefahren
zu kommen, und der ich nicht früher hierher gekommen bin. Oh all ihr Löwen, die ihr unter diesem Felsen wohnt, zerreißt meinen Körper und verzehrt 
die Eingeweide des Frevlers mit wilden Bissen. Aber es wäre ängstlich, den Tod nur zu wünschen.“ Er hebt den Schleier Thisbes auf, und trägt ihn mit
sich zum Schatten des vereinbarten Baumes, und sobald er das vertraute Kleidungsstück beweint und geküsst hatte, sagte er: „Trinke nun auch mein 
Blut!“ Er stieß das Schwert, mit dem er umgürtet war, in den Unterleib und der Sterbende zog es unverzüglich aus der heißen Wunde. Und wie er da so 
rücklings auf der Erde lag: das Blut spritzt hoch empor, nicht anders, wie wenn ein Rohr, nachdem das Blei schadhaft geworden ist, platzt und wenn
es zischend aus dem schmalen Riss einen langen Wasserstrahl herausspritzen lässt und in Strahlen die Luft durchbricht.
		</german>
		<latin>
			serius egressus vestigia vidit in alto<br/>
			pulvere certa ferae totoque expalluit ore<br/>
			Pyramus; ut vero vestem quoque sanguine tinctam<br/>
			repperit, "una duos" inquit "nox perdet amantes,<br/>
			e quibus illa fuit longa dignissima vita;<br/>
			nostra nocens anima est. ego te, miseranda, peremi,<br/>
			in loca plena metus qui iussi nocte venires<br/>
			nec prior huc veni. nostrum divellite corpus<br/>
			et scelerata fero consumite viscera morsu,<br/>
			o quicumque sub hac habitatis rupe leones!<br/>
			sed timidi est optare necem." velamina Thisbes<br/>
			tollit et ad pactae secum fert arboris umbram,<br/>
			utque dedit notae lacrimas, dedit oscula vesti,<br/>
			"accipe nunc" inquit "nostri quoque sanguinis haustus!"<br/>
			quoque erat accinctus, demisit in ilia ferrum,<br/>
			nec mora, ferventi moriens e vulnere traxit.<br/>
			ut iacuit resupinus humo, cruor emicat alte,<br/>
			non aliter quam cum vitiato fistula plumbo<br/>
			scinditur et tenui stridente foramine longas<br/>
			eiaculatur aquas atque ictibus aera rumpit.
		</latin>
	</section>
	<section from="125" to="163">
		<german>
Die Früchte des Baumes werden durch das Anspritzen des Blutes in ein dunkles Aussehen umgewandelt. Und die Wurzel, nass vom Blut befeuchtet färbt die
herabhängenden Maulbeeren mit purpurroter Farbe. Siehe da, nachdem die Furcht noch nicht abgelegt worden war, und um den Geliebten nicht zu 
enttäuschen, kehrt jene zurück und sucht den jungen Mann mit den Augen und mit dem Herz, und sie verlangt danach zu erzählen, welch große Gefahr sie 
vermieden hat. Sie erkennt zwar den Ort und den Umriss des emporragenden Baumes wieder, so macht sie aber die Farbe der Früchte ungewiss: sie 
zweifelt, ob es dieser ist. Während sie zweifelt, sah sie zuckende Glieder den blutbefleckten Boden schlagen und sie wich zurück, und das Gesicht, 
blasser als Buchsbaumholz, erschrak sie, gleich wie das Wasser, das zittert, wenn die Oberflächen von einem sanften Luftzug gestreift wird. Aber
nachdem sie nach kurzem verweilen ihren Geliebten erkannt hatte, schlug sie die unschuldigen Armen mit lautem Wehklagen, zerraufte das Haar und 
umarmte den Körper des Geliebten, füllte die Wunden mit Tränen und vermischte Blut mit Tränen, und das kalte Gesicht küssend rief sie: „Pyramus, 
welches Unglück hat Dich mir entrissen? Pyramus, antworte! Liebster,
Deine Thisbe ruft: höre und richte Dein gesenktes Gesicht auf!“ Bei dem Namen Thisbe schlug Pyramus die schon durch den Tod beschwerten Augen auf, 
und schloss sie wieder, nachdem er jene gesehen hatte. Nachdem diese ihr Kleidungsstück erkannt hatte und die elfenbeinerne Schwertscheide ohne 
Schwert gesehen hatte, sagte sie: „Deine Hand und Deine Liebe haben Dich zugrunde gerichtet, Unglücklicher! Auch ich habe eine Hand, die dieses eine 
wagt, auch ich liebe Dich: diese Liebe wird mir Kräfte geben, mir Wunden zuzufügen. Ich werde dem Toten nachfolgen und man wird mich allerärmste
Ursache und Begleiterin Deines Todes nennen; und der Du mir allein-ach- durch den Tod entrissen werden konntest, auch nicht wirst Du mir vom Tod 
entrissen werden können. Dennoch seid im Namen beider gebeten, o ihr armen Väter,
meiner und seiner, dass ihr nicht missgönnt, dass diejenigen, die eine feste Liebe und eine Todesstunde verband, in ein und demselben Grabhügel 
bestattet werden. Aber Du Baum, der mit seinen Ästen den Körper eines einzelnen bedauernswerten bedeckst, bald wirst Du zwei bedecken, bewahre die
Zeichen des Blutes und trage als Zeichen des Todes immer dunkle, der Trauer angepasste Früchte, als Andenken an zweifach vergossenes Blut!“ So sprach 
sie und stürzte in das Schwert dessen Spitze sie unterhalb der Brust angesetzt hatte, das vom Blut noch warm war.
		</german>
		<latin>
			arborei fetus adspergine caedis in atram<br/>
			vertuntur faciem, madefactaque sanguine radix<br/>
			purpureo tinguit pendentia mora colore.<br/>
			'Ecce metu nondum posito, ne fallat amantem,<br/>
			illa redit iuvenemque oculis animoque requirit,<br/>
			quantaque vitarit narrare pericula gestit;<br/>
			atque locum et visa cognoscit in arbore formam,<br/>
			sic facit incertam pomi color: haeret, an haec sit. <br/>
			dum dubitat, tremebunda videt pulsare cruentum<br/>
			membra solum, retroque pedem tulit, oraque buxo<br/>
			pallidiora gerens exhorruit aequoris instar,<br/>
			quod tremit, exigua cum summum stringitur aura.<br/>
			sed postquam remorata suos cognovit amores,<br/>
			percutit indignos claro plangore lacertos<br/>
			et laniata comas amplexaque corpus amatum<br/>
			vulnera supplevit lacrimis fletumque cruori<br/>
			miscuit et gelidis in vultibus oscula figens<br/>
			"Pyrame," clamavit, "quis te mihi casus ademit?<br/>
			Pyrame, responde! tua te carissima Thisbe<br/>
			nominat; exaudi vultusque attolle iacentes!"<br/>
			ad nomen Thisbes oculos a morte gravatos<br/>
			Pyramus erexit visaque recondidit illa.<br/>
			'Quae postquam vestemque suam cognovit et ense<br/>
			vidit ebur vacuum, "tua te manus" inquit "amorque<br/>
			perdidit, infelix! est et mihi fortis in unum<br/>
			hoc manus, est et amor: dabit hic in vulnera vires.<br/>
			persequar extinctum letique miserrima dicar<br/>
			causa comesque tui: quique a me morte revelli<br/>
			heu sola poteras, poteris nec morte revelli.<br/>
			hoc tamen amborum verbis estote rogati,<br/>
			o multum miseri meus illiusque parentes,<br/>
			ut, quos certus amor, quos hora novissima iunxit,<br/>
			conponi tumulo non invideatis eodem;<br/>
			at tu quae ramis arbor miserabile corpus<br/>
			hunc tegis unius, mox es tectura duorum,<br/>
			signa tene caedis pullosque et luctibus aptos<br/>
			semper habe fetus, gemini monimenta cruoris." <br/>
			dixit et aptato pectus mucrone sub imum<br/>
			incubuit ferro, quod adhuc a caede tepebat.
		</latin>
	</section>
	<section from="164" to="166">
		<german>
Dennoch rührten die Bitten die Götter und die Väter: denn die Farbe der Früchte, sobald sie reif geworden sind, ist schwarz, und was vom 
Scheiterhaufen übrig ist, ruht in einer Urne.
		</german>
		<latin>
			vota tamen tetigere deos, tetigere parentes;<br/>
			nam color in pomo est, ubi permaturuit, ater,<br/>
			quodque rogis superest, una requiescit in urna.'	
		</latin>
	</section>
</text>
</translation>